Akademie der Darstellenden Künste

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Begründung der Jury

Björn SC Deigner liefert mit seinem unkonventionellen Hörspiel „In Stanniolpapier“ (SWR 2019) eine quälend einprägsame Milieustudie, beruhend auf einer realen Begebenheit. 

Er stellt das Leben der Prostituierten Maria (gespielt von Josefin Platt) als biographische Negativspirale dar. In extrem verstörender Weise fokussiert das Hörspiel mit hoher Intensität Sequenzen eines Lebens im freien Fall zwischen Ausbeutung und Selbstausbeutung vor dem Hintergrund roher Gewalt im Rotlichtmilieu. Selbst in Extremmomenten auf dem Straßenstrich suggeriert Maria einen pragmatischen Optimismus ohne Aussteigervisionen, indem sie paradoxerweise das Leben zwischen bürgerlichem Schein und nächtlichem Sein zu akzeptieren und für gut zu befinden scheint. 

Die selektive Selbstwahrnehmung der Protagonistin reicht bis zur Auslöschung ihres Anspruchs auf Selbststimmung durch Unterwerfung unter den Willen ihres Zuhälters. Dies wird durch die beeindruckende schauspielerische Leistung von Josefin Platt zum eindringlich-bedrückenden Hörerlebnis: Das Hörspiel bestürzt, irritiert, rüttelt auf. 

Die Regieleistung von Luise Voigt ermöglicht einen Eindruck von der ‚Herzenskühle‘ Marias zwischen Schutzmechanismus und Abstumpfung durch den Wechsel der Inszenierungsebenen: Relativ neutrales Erzählen wandelt sich ins Sprechen realer Szenen aus dem Alltag der Prostitution und mündet durch kurze Soundtransitions fließend im Modus des uneigentlichen Sprechens in kaltes, fast emotionsloses Kommentieren des bislang Erlebten.

Höchst beeindruckend ist die konzentrierte Souveränität, mit der die einzige Sprecherin der Produktion, Josefin Platt, Mitglied des „Berliner Ensembles“, diese Ebenen zusammenführt und zwischen verschiedenen Rollen wechselt. 

„In Stanniolpapier“ bietet – unterstützt durch Momente inszenierter Stille – die Chance zur Reflexion über die Prostitution als dem „ältesten Gewerbe der Welt“. Ein Hörspiel, das im Gedächtnis bleibt.